Improvisation als Kulturpraxis. Interview mit IG-Jazz-Vorstandsmitglied Oliver Potratz

Was die Gesellschaft vom Jazz lernen kann

Oliver Potratz, Vorstand der IG Jazz, zur Jazzwoche Berlin #2. Das Gespräch führte Victoriah Szirmai im März 2020

2020 findet die von der IG Jazz Berlin ins Leben gerufene Jazzwoche Berlin zum zweiten Mal statt. Oliver Potratz über eine sich selbst kuratierende Szene, Luft nach oben und einen fruchtbaren Jazzgarten.

Die Besonderheit der Jazzwoche liegt darin, dass sie kein kuratiertes Festival ist, sondern beleuchtet, was ohnehin stattfindet. Wie kam es zu der Idee, das Besondere im Gewöhnlichen zu zeigen?

Das reguläre Konzertprogramm in einer gewöhnlichen Woche ist einfach so interessant, dass es gar nicht nötig ist, zu kuratieren. Die Szene kuratiert sich quasi selbst. So bleibt auch ihre natürliche Diversität besser erhalten. Was über ein normales Wochenprogramm hinausgeht, sind unsere Panels und Vorträge – und natürlich die Verleihung des Jazzpreis Berlin. Der geht dieses Jahr an die Saxophonistin Silke Eberhard.

Letzten Juni hat die Jazzwoche Berlin zum ersten Mal stattgefunden. War sie aus der Sicht der IG Jazz ein Erfolg?

Auf jeden Fall. Natürlich war es, wie alle ersten Male, ein Herantasten und ein Ausprobieren des Formats.Dabei haben wir auch klar gesehen, was noch möglich ist. Es gibt noch Luft nach oben.

Wie bemisst sich Erfolg, wenn nicht in konkreten Besucherzahlen?

In der Aufmerksamkeit, die wir generieren. Speziell in der ersten Jazzwoche ging es uns darum zu zeigen, was jede Woche in Berlin läuft, welche Leute hier spielen, wie unterschiedlich das ist – und wie hoch die Qualität. Diese Aufmerksamkeit kommt den Clubs zugute, die den Jazz erst lebendig machen.

Bleibt dieses Konzept auch 2020 bestehen?

Ja. Die Clubs sollen einfach ihr gewöhnliches Programm machen. Neu ist der Schwerpunkt des Diskurses: Neben den Panels planen wir jetzt auch Kiezspaziergänge und Einführungsveranstaltungen, in denen Experten dem Publikum die Methoden oder Inhalte des bevorstehenden Konzertes nahebringen, wie es in den klassischen Häusern üblich ist. Weil im Jazz die Improvisation ein wichtiger Teil ist, werden wir auch über sie reden. Das ist unsere Expertise. Und damit wollen wir nicht länger in unserer Bubble bleiben, denn in der Jazzpraxis werden Dinge behandelt, die auch für die Gesellschaft interessant sind. Improvisation als Kulturpraxis wird unserer Ansicht nach immer wichtiger. Das sieht man an der Corona-Panik: Man muss improvisieren, weil die Leute die Supermärkte leerkaufen. Je offener man für Neues ist, desto besser kann man sich auf unvorhergesehene Situation einstellen.

Die dem Jazz inhärente Fähigkeit zur Improvisation gibt auch konkrete Antworten auf außermusikalische Geschehnisse?

Vielleicht sind es gar nicht mal so sehr konkrete Antworten, sondern eine Einstellung, mit der man an Dinge herangeht. Wir glauben, dass Jazz auch in diesem Sinne tief in die Gesellschaft hineinreichen kann.

Die Interaktion von Jazz und Gesellschaft steht im Mittelpunkt der Jazzwoche 2020?

Ja. Es geht uns darum, die Anknüpfungspunkte, die Schnittmengen zwischen Jazz und Gesellschaft herauszuarbeiten. Dafür haben wir den interdisziplinären Ansatz gewählt: Natürlich könnte man zum Thema Improvisation auch ganz wunderbar zwei Jazzmusiker hinstellen und darüber reden lassen, aber es ist doch viel interessanter, wenn man eine Meisterin der Improvisation mal mit einem Börsenmakler reden lässt. Oder mit jemandem, der historische Prozesse analysiert, oder mit jemandem, der Stadtarchitektur betreibt. Wie wollen, dass nicht nur Jazz über Jazz redet, sondern wir wollen gucken, wo unsere Wurzeln in die Gesellschaft hineinreichen und wohin die Früchte abseits des Jazzgartens fallen, wo also der Jazz auch fruchtbar wird für alle anderen.