Der Kontext ist oft ein Hindernis.

Ein Interview mit Theo Nabicht zu seinem Gesprächskonzert mit Iris ter Schiphorst bei der Konzertreihe Unerhörte Musik.

Herr Nabicht, Sie haben 2018 im Zusammenhang mit einem Stück von Iris ter Schiphorst gesagt: „Musik sind Töne, die durch die Luft transportiert werden, und mehr nicht. Man hat den Eindruck, dass bei den zeitgenössischen Komponist*innen aber gerade die außermusikalischen Bezüge und der Kontext immer wichtiger werden. Was genau meinen Sie also damit? Sind Sie den Kontext satt?

Im Interview zum Stück „JEDER” habe ich diesen Satz an den Anfang gestellt. Ich meine und denke ihn auch so. Da ist kein Funken an Ironie drin. Natürlich ist er auch ein wenig provozierend, weil in der Aussage nur ein kleiner Teil der Wahrheit steckt. Im Verlauf des Interviews zu „JEDER“ erzähle ich, was für ein Kosmos am Ende aus diesem Ton entsteht und das ist dann nicht nur der Ton, sondern sehr viel mehr – im schönsten Falle eine Gänsehaut.

Ich persönlich finde den Kontext immer sehr interessant. Er bringt mich zum Lesen von Büchern, zum Diskutieren und er bestimmt ab und zu meine Spielhaltung. Auch hilft er manchmal beim Dechiffrieren des Notentextes – und am Ende bleibt der Ton, ein Ton, ein Ton.

Wenn mir Zuhörer nach dem Konzert erzählen, dass sie nichts von Musik verstehen, dann irritiert mich das oft. Ich versuche sie darauf zu lenken, dass wir erstmal nur Musik hören. Im besten Falle berührt sie uns und bringt in uns etwas zum Schwingen, worüber es sich lohnt zu erzählen. Und jeder fühlt die Musik anders und denkt sie anders. Jeder hat seine Geschichte und das ist ja das Spannende – diese Geschichten zu hören, in den Austausch zu gehen. Der Kontext ist oft ein Hindernis. Viele glauben, dass er schon die Musik ist und man einen Zugang zur Musik bekommt. Aber das ist für mich grundsätzlich falsch. Erst muss die Musik berühren, bewegen, dann kommt auf einem anderen Level der Kontext. Die intellektuelle Ebene kann für mich nur ein Plus sein. Leider ist in dieser Hinsicht die musikalische Ausbildung in den Schulen irreführend. Gerade was instrumentale Musik betrifft ist das fatal. Zuletzt noch: Die Musik muss sich selbst beweisen, dass sie gut ist, indem sie Neugier schafft, indem sie etwas in einem zum Schwingen bringt, was eben nur die Musik kann.

Das Stück von Iris ter Schiphorst heißt „Orpheus – ein Titel, der sofort eine riesige Bandbreite an Assoziationen aufwirft. Auf welcher Ebene können wir die Verbindung zwischen Stück und Titel erwarten? Inwiefern begleitet Sie dieser Bezug beim Spielen?

Iris ter Schiphorst hat zu dem Stück geschrieben: Das Ausgangsmaterial von „Orpheus“ verdankt sich einer gemeinsamen ‚Forschungsreise’ von Komponistin und Theo Nabicht in die klanglichen Grenzbereiche der Kontrabassklarinette. Entsprechend verzeichnet die Partitur Klänge, die so auf diesem Instrument noch nie gespielt wurden. Diese „Grenzklänge“ wurden von der Komponistin zu Linien und Harmonien verdichtet, was vom Spieler etwas auf den ersten Blick fast Unmögliches verlangt: sie aus dem Reich der Schrift „ins Leben“ rück zu überführen, aus ihrer Ver-Dichtung in der Partitur „Musik“ zu machen.

Vielleicht trifft das am besten die Verbindung zwischen Stück und Titel. Ich denke eigentlich nie an Figuren, Geschichten, selbst wenn ich mein Spiel als erzählend darstellen würde. Im Moment des Spielens höre und spiele ich nur Töne, Klänge, Harmonien – ganz banal. Ich versuche sie zum Leben zu erwecken, was auch immer das heißt. Und ich schaue nicht zurück!

Sie haben schon einmal mit Iris ter Schiphorst zusammengearbeitet. Was zeichnet Ihre Zusammenarbeit aus?

Die Suche nach Neuem, Experimentierfreudigkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit, Bill Laswell, Rolf Riehm und die Liebe zu einem guten Buch, einem Gespräch und Champagner.

Welche neuen Klangmöglichkeiten haben Sie mit Einbeziehung der Elektronik entdeckt?

In jedem Stück gibt es etwas Neues zu entdecken. Im Stück von Ana Maria Rodriguez wird zum Beispiel „Unmögliches“ ermöglicht: Elektronische Glissandi, Tonraumsprünge, Verzerrungen, die über die Kapazitäten der Kontrabassklarinette hinausgehen. Das ist sehr spannend. Das Stück schafft einen Raum, den ich so noch nie gehört habe.

Wie schafft man es im Umgang mit Elektronik, dass man seine Ideen mithilfe der Elektronik umsetzt und nicht andersherum darin verfällt, seine Ideen aus den Möglichkeiten der Geräte abzuleiten?

Das ist eigentlich eine Frage an die Komponisten. Vielleicht kann ich das für mein eigenes Instrument beschreiben: Wenn ich einen neuen Ton oder Klang auf dem Instrument entdecke, entsteht noch keine Musik. Ich muss mit diesem Klang etwas machen, ihn in einen Kontext mit mehreren Parametern setzen. Das ergibt dann einen Sinn und Musik. Mein Argument überzeugt mich jetzt nicht ganz… Es gibt ja auch die Möglichkeit, dass die Elektronik etwas Bekanntes vorgibt und erst im Zusammenspiel etwas Neues entsteht. Im Grunde kann jeder dabei den Weg beschreiten, der für ihn gut und richtig ist. Die Frage für mich ist, ob etwas entsteht, was mich berührt, aufhorchen lässt.

Ist die Entwicklung der Kontrabassklarinette eigentlich ein Ergebnis des Höher(tiefer)-Schneller-Weiter-Phänomens? Welche Klänge machen Ihnen am meisten Spaß zu spielen?

Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich spiele die Kontrabassklarinette seit vielen Jahren. Da ist man mehr im Prozess als mit Blick auf einen Weg, den man zurückgelegt hat. Sicher habe ich eine Faszination für tiefe Klänge. Mich haben aber immer mehr die hohen Töne der Kontrabassklarinette interessiert. Schaurig schön, aus einer fremden Welt, glasklar wie ein Sinuston, tief aus dem Inneren, berührend. Kaum einer würde beim Hören dieser hohen Töne an eine Kontrabassklarinette denken. Ein Instrument, mit dem man 5 ½ Oktaven spielen kann hat einen wahnsinnigen Reiz, wenn man versucht es auszuloten. Ich bin da wirklich auf dem Weg und die Komponisten helfen mir sehr dabei, ihn zu gehen.

In einem anderen Zusammenhang habe ich schon mal gesagt, dass ich über ein Jahr brauchte um ein f4 auf der Kontrabassklarinette sicher zu spielen – und es ist immer noch ein heikles Unterfangen. Und es stimmt. Leider. Ich wäre gern schneller.

Das Stück von Clemens Gadenstätter heißt „Le goût du son. Wie schmeckt denn der Klang?

Bitter süß nach frischen Orangen, Zitronen von einem Markt in Sizilien, Mandeln im Abgang, nach einem See der zu viel Sonne abbekommen hat und sich in ein Meer ergießt, Sauerampfer kauend auf einer Bayrischen Alm sitzend, blinzelnd den Glocken der Kühe lauschen, durch einen Wald laufen, den Duft von Buchen, Eichen und Pfifferlingen einsaugend, ein bisschen von der Komplexität des Daseins erahnen.

Als ich „Le goût du son” im letzten Jahr beim Festival Wien Modern gespielt habe, gab es im Anschluss an das Konzert ein kleines Essen für alle Zuschauer. Der Festivalleiter Bernhard Günther hatte die kleinen Köstlichkeiten den Stücken nach ausgesucht. Von Clemens Gadenstätter wurden fünf Solos gespielt, die den Geschmacksrichtungen Umami, süß, sauer, salzig und bitter zugeordnet waren. Er empfand das Stück als bitter. Ich konnte mich nicht entscheiden. Es schmeckte alles so wahnsinnig gut.

Sie kennen die Kontrabassklarinette und ihre Klänge wahrscheinlich besser als jede*r Komponist*in, mit der/dem Sie zusammengearbeitet haben. Da liegt es ja nahe, auch eigene Stücke zu komponieren. Wie helfen Ihnen Komponist*innen, die für Sie schreiben, noch neue Seiten an Ihrem Instrument zu entdecken?

Komponisten sind und waren viele Jahre meine Inspirationsquelle um Neues zu entdecken. Als Jazzmusiker habe ich viel an meinem Sound gearbeitet. Als ich mich in den 90ern für Neue Musik zu interessieren begann und Komponisten wie Georg Katzer, Helmut Oehring, Helmut Lachenmann, Hans Joachim Hespos, Dieter Schnebel und Rolf Riehm (eine ganz kleine Auswahl) persönlich kennenlernte, erkannte ich für mich, wie eng mein Horizont war und wie viele neue Wege es gibt. die ich aufsaugen wollte und die mich in meiner Gedankenwelt viel weitergebracht haben, als ich es jemals erdachte.

Iris ter Schiphorst sucht nach der Aufgabe der Musik. Haben Sie diese Aufgabe - für sich selbst oder für die Welt – schon gefunden?

Nein.

Die Fragen stellte Jakob Böttcher, der im Sommer an der Schreibwerkstatt „Schreiben über neue Musik“, die wir zusammen mit der Universität der Künste und der HfM Hanns Eisler in Kooperation mit den positionen. anbieten.